Leserbrief 4

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Der vierte Leserbrief in Mays Broschüre "Karl May als Erzieher" und "Die Wahrheit über Karl May" oder Die Gegner Karl Mays in ihrem eigenen Lichte von einem dankbaren May-Leser lautet:


"... Höchst wahrscheinlich wird es sie kaum überraschen, auch einmal von einer Klosterfrau ein Schreiben zu erhalten; ja es liegt sogar die Vermuthung sehr nahe, daß dies durchaus nicht das erste und das einzige sein wird. Aber warum ich Ihnen schreibe? Je nun, aus zwei Ursachen. Freilich werden Herr May die eine dieser Ursachen nicht hoch anschlagen; denn was könnte Ihnen, dem Vielgepriesenen, an der stillen Verehrung einer unbekannten, schlichten Klosterfrau im fernen Tirolerlande liegen? Und was dann die andere Ursache betrifft, so fürchte ich sehr... doch davon später.
Vorläufig will ich beim ersten Grunde meines Schreibens stehen bleiben. Trotz aller etwaigen Bedenken hat es mich doch gedrängt, Ihnen meine warme, tief empfundene Ergebenheit und Pietät einmal auszusprechen. Herr May sind ja bei aller Energie Ihres Charakters doch wieder so gutherzig, weich und edel, daß sie ein armes Gänseblümchen gewiß nicht verachten, welches den Muth oder die Keckheit hat, sich neben die stolzen Blumen tropischer Gärten hinzustellen und mit schüchterner, dankbarer Verehrung zu Ihnen aufzublicken.
Durch die Vermittlung von Marienkalendern und verschiedenen Zeitschriften an bekannte Leute wurde ich zuerst mit ihren Reiseerlebnissen bekannt; aber ich verhielt mich denselben gegenüber anfänglich sehr kühl und ablehnend; denn eine Roman-Lecture ... und wären es auch nur Reise-Romane ... schien mir doch für eine Klosterfrau in hohem Grade unschicklich. Allein die Berührung mit einigen Studenten, über die ich ein gewisses protégé auszuüben habe, vielleicht auch eine kleine Portion angeborener Evas-Natur, brachten mich dazu, doch einigermaßen Notiz davon zu nehmen, und da ... nun, da kam eben auch das Verhängnis über mich, wie über alle, die Ihre Schriften lesen; es gieng mir um kein Haar besser als ihnen, d. h. ich blieb ebenso gut an der Angelruthe stecken wie sie!
Ist es eine Schande, wenn ich bekenne, daß ich bei Ihren Erzählungen mehr als einmal gelacht und geweint und noch viel Besseres als das: daß ich manche Anregung zum Guten daraus geschöpft habe? Wie oft hätte ich gerne zu Gunsten jener Armen, deren leibliches und geistiges Elend Sie so rührend zu schildern wußten, auf mein eigenes Essen verzichtet, wenn ich es Ihnen hätte schicken können!
Und jedesmal fühlte ich mich ordentlich von meinem Alp befreit, und so wohlthuend berührt, als hätte ich selbst die größte Gutthat empfangen, wenn ich weiter las, daß Ihr mildthätiges Herz sie auf irgendeine Weise ihrer drückenden Lage entrissen habe. Wie oft waren Sie und ihre Gefährten und die Situationen u. s. w. mir so nahe gerückt, daß ich glaubte, mitreden und mitdisputieren und mithandeln zu müssen! Es liegt ein ganz eigener Zauber in der Art und Weise Ihres Erzählens, den ich noch bei keinem anderen Schriftsteller gefunden habe und für den nur Sie selbst im 1. Hefte des "Hausschatzes" dieses Jahrganges die richtige Erklärung gegeben haben, daß nämlich das, was von Herzen kommt, aus einem tief gläubigen, gott- und menschenliebenden Herzen, auch wieder zu Herzen geht und dort im tiefsten Innern verwandte Saiten berührt.
Ich hätte noch vieles, sehr vieles, aus dem Herzen heraus und von Herzen wegzuschreiben, um Ihnen den Beweis zu liefern, wie lebhaft ich bei Ihren Erzählungen und Schilderungen mitgefühlt, mitgelitten- und gestritten, mitgearbeitet und mitgebetet habe etc.; doch ich thue mit Gewalt an und schweige, um diesen ersten Theil meines Briefes bald zum Abschlusse zu bringen und Ihnen nicht ungebührlich lange die kostbare Zeit in Anspruch zu nehmen. Weiß ich doch aus Ihren eigenen Klagen, wie leichtsinnig, rücksichtslos und unbarmherzig manche Ihrer Verehrer Ihnen dieselbe wegstehlen. Leider besitze ich gar nichts, um Ihnen meine pietätvolle Verehrung auf eine würdige Weise darzulegen; denn a r m bin ich von Hause aus und a r m duch die Gelübde; aber etwas sende ich Ihnen doch, was hoffentlich vor Gott und Ihnen nicht ganz wertlos ist, nämlich: ein inniges "Vergelt´s Gott" ... "warme Glück- und Segenswünsche für Ihr ferneres Wohlergehen" ... "und ein herzliches Gebet, daß der Herr sie noch lange arbeiten, schriftstellern und ... missionieren lasse! Es ist dies alles und das Beste, was mir zur Verfügung steht: die Gabe des H e r z e n s , die Gabe g e h e i l i g t e r A r m u t , die Gabe aufrichtiger D a n k b a r k e i t für all den reichen Segen, welchen sie im Glauben und in der Liebe ausstreuen! Möge mein armseliges, schmuckloses Schreiben nicht untergehen in all der Flut von noblen, glänzenden, duftigen, schillernden Zuschriften und Anerbietungen, mit denen Sie, der vielgelesene, vielgequälte, vielgepriesene Autor, überschüttet werden! ..."
Schwester K.
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