Paul Näcke

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Paul Näcke

Dr. Paul Adolf Näcke (* 23. Januar 1851 in St. Petersburg; † 18. August 1913) war ein deutscher Psychiater und Kriminologe. Näcke ist durch seine zahlreichen wissenschaftlichen Schriften zur Homosexualität bekannt. Er führte den Begriff Narzissmus in die psychiatrische Diskussion der Jahrhundertwende ein.

Leben und Werk

Paul Näcke wurde als Sohn eines deutschen Vaters aus dem sächsischen Erzgebirge und einer französischen Mutter in St. Petersburg geboren. Mit fünf Jahren kam Näcke nach Dresden, um hier zur Schule zu gehen. Er besuchte das Gymnasium zum goldenen Kreuz. Bereits als Schüler zeigte er großes Interesse an Sprachen, Erdkunde, Kunst- und Kulturgeschichte. Näcke soll sieben Sprachen in Wort und Schrift beherrscht haben und ein guter Kenner Italiens, Großbritanniens, Frankreichs und Spaniens gewesen sein.

Er studierte von 1870 bis 1872 in Leipzig und von 1872 bis 1874 in Würzburg, wo er 1873 promovierte. Der Titel seiner Dissertation lautet: Über Darmperforation und Typhusabdominalis. Nach der Erlangung der Approbation arbeitete er in verschiedenen Pariser Krankenhäusern, bei Franz Wilhelm Carl Ludwig von Winckel an der Frauenklinik in Dresden sowie an Spitälern in Danzig und Königsberg. Auch war er kurzzeitig als praktischer Arzt tätig.

Anschließend wandte er sich der Irrenheilkunde zu und trat zum 1. Februar 1880 als Anstaltsarzt in den psychiatrischen Dienst des Königreichs Sachsen ein. Bis 1889 war er Anstaltsarzt in Colditz und Sonnenstein, ab 1889 in Hubertusburg. 1894 wurde er Oberarzt, 1902 Medizinalrat und kurze Zeit später Ärztlicher Vorstand der Anstalt für geisteskranke Männer auf Schloss Hubertusburg in Wermsdorf bei Leipzig. 1912 wird er Direktor des Versorghaus für unheilbare psychisch Kranke auf Schloss Colditz. In seiner Zeit galt er als hervorragender Psychiater.[1]

Gemeinsam mit Prof. Dr. Hans Gross, einem Grazer Ordinarius für Kriminologie und Begründer der Kriminalistik, gründete er 1898 das Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik. Er war Ehren- und korrespondierendes Mitglied bei gut einem Dutzend wissenschaftlicher Gesellschaften verschiedener Länder. Vom Königreich Sachsen wurde ihm der Honorartitel "Professor" verliehen.

Näcke verstarb plötzlich im August 1913 nach nur zweitägiger Krankheit an einer Herzlähmung bei Arteriosklerose. Zeitlebens litt er an einem neurasthenischen Syndrom, das er ausführlich im Neurologischen Centralblatt 1893 beschrieb.

Paul Näcke war seit 1886 mit Helene Fanny geb. Hänel verheiratet und hatte mehrere Kinder. Eine seiner Töchter trat in die Fußstapfen des Vaters und wählte denselben Beruf.

Paul Näcke interessierten verschiedenste Themen und Gegenstände. So trug er zu Medizin, Philosophie, Geschichte, Ethnographie, Archäologie, Architektur wissenschaftlich bei. Eine Liste der 146 Hauptwerke findet sich in der Nr. 26 der Psychiatrisch Neurologische Wochenschrift vom 27. September 1913.

Seine wichtigsten Beiträge lieferte er jedoch für die Kriminologie und Kriminalanthropologie, die Sexualwissenschaft wie die Psychologie. Die Schriften sind eher referierender Natur.[2]

Paul Näcke und Karl May

Mays religionspsychologische Werke

Der erste bekannte Bezug zu Karl May findet sich in einem Brief Paul Näckes vom 24. November 1906 an August Abels, in dem er sich für dessen Kritik zu Mays Drama Babel und Bibel in den Münchner Neuesten Nachrichten vom 18. November bedankt.[3]

Im Jahr darauf hatte Karl May an Näcke geschrieben, worauf dieser am 28. Juli 1907 antwortete:

Schon durch die Gespräche u[nd] Schilderungen des Herrn Abels [...] hatte ich den Entschluß gefaßt, Ihre werte Bekanntschaft zu machen, als ich Ihre 2 letzten Bücher: "Und Frieden [sic] auf Erden" und "Bibel und Babel" [sic] mit hohem Genuße gelesen hatte. Was mich anzog, war natürlich nicht die Erzählung als solche als vielmehr die Gedanken, speziell die religions-psychologischer Art, mit denen ich mich fast überall solidarisch erklären muß. gerade in "Frieden auf Erden" ist Vieles, worüber ich gern mit Ihnen mich unterhalten möchte [...] Ich hoffe etwa Mitte Sept[ember] nach Dresden auf einige Tage zu kommen u[nd] Sie von da aus einen Nachmittag zu besuchen, wenn es Ihnen Recht ist.[4]

Am 30. Juli besuchte August Abels Paul Näcke in Hubertusburg, wo beide zusammen eine Grußkarte an Karl May schrieben, in der sich Abels nach Mays Wohlbefinden erkundigt.[5]

May hatte den Brief zuvor mit einer Einladung in die Villa "Shatterhand" beantwortet, die Näcke am 1. August dankend annahm und seinen Besuch für den 17. oder 19. September ankündigte.[6]

Grüße aus München

Im September 1907 waren Karl May und seine Frau Klara nach München gereist. Dort trafen sie am Vormittag des 13. September den ehemaligen Waldheimer Anstaltsarzt Dr. Adolf Emil Knecht, der auch mit Paul Näcke bekannt war. Von dort schrieb May an diesem Tag einen Brief, der auch von Klara und (vermutlich) Dr. Knecht unterschrieben war, an Näcke:

Bin mit meiner Frau auf 2 Wochen in München [...][7]

Am gleichen Tag schrieb Paul Näcke an Karl May:

Eben erfahre ich, daß Sie nach München gefahren sind. Ich frage an, ob Sie nächsten Donnerstag[8] v[or] 19 Uhr wieder zu Hause sind. Ich würde dann gegen Mittag bei Ihnen von Dresden aus vorsprechen u[nd] gegen Abend zurückkehren.[9]

Da Mays erst am 19. September aus München zurückkehrten, fand der Besuch nicht statt. Paul Näcke schrieb also am 16. September an Karl May:

Ich hoffe aber, daß wenn ich das nächste Mal nach Dresden komme – etwa Ende Okt[ober] oder Anfang Nov[ember] – ich Sie dann begrüßen kann.

Des weiteren ließ er Grüße an August Abels ausrichten.[10]

Der Seelenforscher

In einem Brief, den Karl May vermutlich im Herbst 1907 an Paul Näcke geschrieben hat, bezeichnete er ihn als einen unserer schärfsten, klarsten und – die Hauptsache – humansten Denker und Seelenforscher. Näcke war davon sichtlich geschmeichelt, wie sein Brief an May vom 3. November zum Ausdruck bringt:

Sie machen mich ordentlich erröten wie ein junges Mädchen mit Ihren Lobeserhebungen u[nd] Beweisen großer Verehrung, die ich gewiß nur bedingt verdiene!

Außerdem äußerte er sich über Mays Prozess gegen Adalbert Fischers Erben.[11]

Am 14. November kündigte Näcke brieflich seinen Besuch bei Mays am 18. November an. Vermutlich noch am gleichen Tag bat Klara May ihn brieflich, eher nach Radebeul zu kommen, da sie sich von dem Psychiater Hilfe für Karl May erhofft.[12]

Tatsächlich traf Paul Näcke bereits am 16. November in der Villa "Shatterhand" ein und verfasste einen Eintrag in Karl Mays Gästebuch:

In dem Hause des Herrn Dr. May u[nd] Frau Gemahlin habe ich mich gleich von der 1. Minute so wohl gefühlt, daß ich hoffe, recht bald wieder hier einkehren zu können.

Möglicherweise an diesem Tag überreichte Näcke May etliche seiner Werke, darunter ein Sonderdruck des Aufsatzes Zur Psychologie der plötzlichen Bekehrungen, der in der Zeitschrift für Religionspsychologie erschienen war. Darin wird auf Karl Mays Und Friede auf Erden! hingewiesen.[13]

Die nächste bekannten Grüße Paul Näckes überbrachte – laut Klara Mays TagebuchFriedrich Krauss, der Karl May am 1. April 1908 besuchte.[14]

Eine Einladung an Karl und Klara May sandte Näcke am 3. April, ohne ein genaues Datum zu nennen. Zu einem solchen Besuch kam es allerdings nicht.[15]

Grüße aus Amerika

Von ihrer Amerikareise hatten Mays verschiedene Postkarten an Paul Näcke geschickt, der sich dafür und für einen weiteren Brief am 1. Januar 1909 bei Klara May bedankte:

Heute zeigt mir der Poststempel, daß Sie in Radebeul wieder gelandet sind, gewiß froh, wieder einmal nach langer Fahrt "zu Hause" zu sein. [...] Leider mußte ich aber gleichzeitig erfahren, daß Ihr guter Mann [...] erkrankt war u[nd] sich in Dresden von Geh[eim]rat Hänel – dem Vetter meiner Frau! – operieren lassen mußte.[16]

Weitere Kontakte zwischen Mays und Paul Näcke sind nicht bekannt. In seiner letzten großen Reiseerzählung Winnetou IV hat Karl May ihm aber ein Denkmal gesetzt:[17]

Ich habe hier in Dresden einen Freund, der ein viel in Anspruch genommener Arzt und Psychiater ist. Besonders auf dem letzteren Gebiete hat er ganz bedeutende Erfolge errungen.[18]

Anmerkungen

  1. Isodor Fischer: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre, Band 2. Urban & Fischer Berlin und Wien 1932/33, S. 1097.
  2. Erich Friedländer: Paul Naecke. In: Theodor Kirchhoff (Hrsg.): Deutsche Irrenärtze. Einzelbilder ihres Lebens und Wirken. Julius Springer Berlin 1924, S. 266-269.
  3. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 105.
  4. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 223.
  5. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 224.
  6. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 225.
  7. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 275.
  8. Gemeint ist der 19. September.
  9. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 275.
  10. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 277.
  11. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 308 f.
  12. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 320.
  13. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 322.
  14. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 370.
  15. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 372.
  16. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 475 f.
  17. Kittler: Ein Fall allerersten Ranges I, S. 37.
  18. Karl May: Winnetou IV. In: Digitale Bibliothek Band 77: Karl Mays Werke, S. 68120 f. (vgl. KMW-V.7, S. 25).

Literatur

Informationen über Zeitgenossen Karl Mays finden Sie im Namensverzeichnis Karl May – Personen in seinem Leben von Volker Griese unter Mitwirkung von Wolfgang Sämmer.

Weblinks