Ghadhim: Unterschied zwischen den Versionen

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Ghadhim
im Werk Karl Mays
Weltkarte1911.jpg

Von Bagdad nach Stambul

Plan von Bagdad und Ghadhim um 1880
Ghadhim, Imam-Musa-Moschee um 1860

Al-Kazimiyya (arabisch: الكاظمية), früher eine eigenständige Stadt, ist ein am Westufer des Tigris gelegener überwiegend von Schiiten bewohnter Verwaltungsbezirk im Norden der irakischen Hauptstadt Bagdad. Al-Kazimiyya wird von Schiiten als heilige Stadt angesehen.

Als Bagdad im achten Jahrhundert durch den Kalifen al-Mansur gegründet wurde, nutzte dieser einen nördlich der Stadt gelegenen kleinen Begräbnisplatz namens Shunayziyyah auf dem Gebiet der heutigen Stadt, um einen Friedhof für die Kalifenfamilie anzulegen. Er selbst war der erste, der im Jahr 767 dort bestattet wurde; anschließend wurde der Friedhof generell für hochstehende Personen genutzt.

Im Jahr 799 wurde der siebte Imam, Musa ibn Dschafar, genannt Musa al-Kadhim (d. h. „Der seinen Zorn Beherrschende“), hier bestattet, nachdem er auf Geheiß des Kalifen Harun ar-Raschid getötet worden war.

Nachdem der neunte Imam, Muhammad al-Dschawad, ein Enkel Musa al-Kadhims, im Jahr 835 neben seinem Großvater bestattet wurde, begannen besonders gläubige Schiiten, sich an dieser Stelle anzusiedeln und es bildete sich eine kleine Stadt. Ihr Name wurde von Musa al-Kadhim abgeleitet, „Kadhim“ aber wegen des zweiten hier begrabenen Imams in die Dualform „Kadhimain“ verändert. Lange Zeit wurde die Stadt auch „Imam-Musa“ genannt und es war eine Vielzahl von Namens- und Schreibvarianten wie Al Kadhimain, Al Kazimiyah, Alkazmyt, Ghadhim, Ghadim, Kadhimein, Kadhimiya, Kadhmain, Kasmain, Kasmin, Kazemein, Kazimain, Kezmié oder Khatimaim im Umlauf, bis sich Al-Kazimiyya durchsetzte.

Im Laufe der von sukzessiven Eroberungen geprägten Geschichte Mesopotamiens teilte Al-Kazimiyya das Schicksal des nahen Bagdad. Von 1534 bis zum Beginn der britischen Besatzung im Jahr 1917 gehörte es zum Osmanischen Reich.

Die gegenwärtige, die Gräber der beiden Imame beinhaltende prunkvolle Moschee wurde im sechzehnten Jahrhundert errichtet.

In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hatte Al-Kazimiyya um die 10.000 Einwohner, von denen immer noch rund 90 Prozent Schiiten waren, sehr oft persischer Abstammung. Sie wurde daher oft „Perser-Stadt“ genannt und wurde als eine im Verhältnis zu den umliegenden Orten sehr wohlhabende Stadt mit „schönen großen Bazars, luxuriösen Privatwohnungen, zierlichen Kaffeehäusern …“ beschrieben. Für den Wohlstand sorgten wesentlich zahlreiche persischstämmige Kaufleute, die zwar in Bagdad ihre Geschäfte betrieben, aber in Al-Kazimiyya lebten.

Diese pendelnden Händler waren neben den sehr zahlreichen Pilgern der Grund, dass der reformfreudige Gouverneur Bagdads, Midhat Pascha, im Jahr 1870 Al-Kazimiyya durch eine Pferdebahn mit Bagdad verbinden ließ. Durch dieses Projekt erlangte die Stadt auch in Europa einige Bekanntheit. Finanziert wurde es durch Aktien, die Einwohner der beiden Städte zeichneten – durchaus widerwillig, denn es wurde ein Plan der Ungläubigen vermutet, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen (gebaut wurde die Bahn von einer englischen Firma; die Wagons waren die gleichen wie in London). Als die Bahn aber von Anfang an voll ausgelastet war und die Aktien nach kurzer Zeit jährlich den eingesetzten Betrag als Dividende abwarfen, waren keine Aktien mehr zu kaufen. Wer eine hatte, behielt sie.

im Werk Karl Mays[Bearbeiten]

In „Von Bagdad nach Stambul“, dem dritten Band des „Orientzyklus“, wird Ghadhim von Kara Ben Nemsi und Sir David Lindsay auf dem Rückweg von Kurdistan nach Bagdad erreicht. Ersterer hat von Hassan Ardschir-Mirza den Auftrag übernommen, seinen dortigen Haushalt aufzulösen und zu verkaufen. Da mit dem schwerreichen Lindsay schnell ein Käufer gefunden ist, geht es bald mit der Pferdebahn weiter nach Bagdad, um eine Wohnung zu suchen, auch für Halef und Hassan Ardschir-Mirza und dessen Familie, die aus Sicherheitsgründen kurz vor Ghadhim lagern.

Wir ritten ab und erreichten nach zwei Stunden die dritte Krümmung des Tigris oberhalb Bagdad, in deren Innerm Ghadhim jenseits des Flusses liegt. Wir schwenkten von dem Postwege, welcher nach Kerkuk, Erbil, Mossul und Diarbekir führt, rechts ab, ritten an der dort liegenden großen Ziegelei vorüber und ließen uns übersetzen. Durch freundliche Palmengärten erreichten wir nun Ghadhim, welches ausschließlich von schiitischen Persern bewohnt wird.
Dieser Ort steht auf „heiligem“ Boden, denn dort befindet sich die Grabstätte des Imam Musa Ibn Dschafer. Dieser berühmte Mann hatte die Pilgerreise nach Mekka und Medina an der Seite des Kalifen Harun al Raschid gemacht. In letzterer Stadt begrüßte er die Grabstätte des Propheten mit den Worten: „Heil dir, Vater!“ während der Kalif es nur mit den Worten: „Heil dir, Vetter!“ gethan hatte. „Wie, du willst mit dem Propheten näher verwandt sein als ich, der Nachfolger desselben!“ rief Harun zornig, und von dieser Zeit an haßte ihn Al Raschid ebenso, wie er ihn früher geachtet und bevorzugt hatte. Musa Ibn Dschafer ward in den Kerker geworfen, in welchem er sein Leben beschloß. Aber nach seinem Tode erhob sich über seinem Grabe ein prächtiger Tempel, dessen Kuppel echt vergoldet ist, mit vier schönen Minarehs.
Ghadhim ist ferner merkwürdig durch eine so spezifisch abendländische Institution, daß ihr Anblick in dieser Umgebung gradezu befremdend wirkt: es besitzt nämlich eine Pferdebahn, welche ihren Ausgangspunkt am Arsenal zu Bagdad hat. Sie wurde von dem reformfreundlichen Gouverneur Midhat Pascha erbaut, welcher später in Stambul eine so hervorragende Rolle spielte. Wäre dieser Mann von seinem Posten als Generalstatthalter von Irak nicht abberufen worden, so besäße Mesopotamien eine Eisenbahn, deren Zweck wäre, die Euphrat- und Tigrisländer über die Hauptorte Syriens hinweg mit Konstantinopel zu verbinden. Leider ist dieses hochwichtige Unternehmen bis auf den heutigen Tag Projekt geblieben. Mußte Midhat Pascha doch sogar die Interessenten seiner Pferdebahn mit Peitschenhieben zusammentreiben lassen: eine sehr deutliche Illustration der Stabilität des Muhammedanismus.
Die Perser, welche Ghadhim bevölkern, sind meist Händler und Kaufleute, die täglich in Geschäften nach Bagdad kommen.
[1]

Bei dieser durchaus realistische Beschreibung konnte May sich wieder auf von Schweiger-Lerchenfeld stützen, einen seiner wichtigsten Gewährsleute:

Von dem modernen Bagdad gewinnt man den besten Gesammtüberblick von der westlichen Uferhöhe, wenn man ein Stück Weges längs des Tigris, etwa bis zum Arsenal, wo auch die Midhat'sche Pferdebahn nach Ghadim ihren Ausgangspunkt hat, fortschreitet.
[...]
Heiligerer Boden als die Grabstätte des Abu Hanife ist jener aus dem sich der Grabdom des Imam Musa Ibn Djafer erhebt. Dieser Musa war alidisch gesinnt und hatte den Zorn des Kalifen Harun dadurch hervorgerufen, daß er das Prophetengrab zu Medina mit dem Ausrufe: „Heil Dir, Vater!“ begrüßte, während Harun dies nur mit den Worten: „Heil Dir, Vetter!“ gethan. Musa beschloß sein Leben im Kerker und über seinem Grabe erhob sich nachmals der Prachtdom, den man noch heute in seiner ursprünglichen Anlage und Gestalt bewundern kann. Seine Kuppel ist vergoldet und durch vier schöne Minarets heiter belebt. Auch um dieses (schiitische) Denkmal ist mit der Zeit ein (ausschließlich von Persern bewohntes) Städtchen — Ghadim — erstanden, das malerisch zwischen den Palmengärten des rechten Tigrisufers liegt, also Madhim gerade gegenüber, aber nebst dem Strome durch eine Gartenzone von diesem geschieden. (Siehe den Plan „Bagdad“ in den Ergänzungen.) In das Innere des Mausoleums Imam Musas ist noch kein Europäer gelangt. Die fanatischen Perser würden einen jeden Versuch mit Steinwürfen und dergleichen beantworten .... Zwischen Bagdad und Ghadim zieht seit dem Anfange der Siebziger-Jahre eine über Veranlassung Midhat Paschas hergestellte Pferde-Eisenbahn — ein seltsames Detail an dem romantisch-verwahrlosten Bilde der heruntergekommenen Kalifenstadt. Zwar hat die Bahn seitdem erheblichen Schaden genommen, die Fenster der Waggons zeigen keine einzige Scheibe mehr und die Signal-Laternen sind längs den Weg alles Irdischen gegangen. Dennoch hat sich das Unternehmen als rentabel erwiesen, hauptsächlich der regen Frequenz halber, die auf der Strecke zwischen der Stadt und dem, meist von persischen Kaufleuten und Händlern bewohnten Flecken Ghadim herrscht.
[2]

In Bezug auf Midhat Pascha, seine Eisenbahn-Pläne und seine Schwierigkeiten bei der Durchsetzung der Bagdader Pferdebahn gehen Mays Informationen über die aus dem vorgenannten Werk hinaus. Er konnte sie in der ihm bekannten Zeitschrift „Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik“ in einem Artikel desselben Autors finden:

Und um dieses Unternehmen ins Leben zu rufen, war Midhat gezwungen, die zwangsweise aufgebrachten Actionäre durch seine Gendarmen zusammenzutreiben und die Subscription sozusagen unter Kamtschikhieben[3] durchzuführen.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • von Schweiger-Lerchenfeld, Amand: Ingenieur Josef Cernik's Technische Studien-Expedition durch die Gebiete des Euphrat und Tigris, erste Hälfte (Ergänzungsheft No. 44 zu Petermann's "Geographischen Mitteilungen" Justus Perthes, Gotha 1875
  • von Schweiger-Lerchenfeld, Amand: Der Orient A. Hartleben, Wien / Pest / Leipzig 1882
  • Geary, Grattan: Through Asiatic Turkey. Vol. I. Sampson Low, Marston, Searle, & Rivington, London 1878.
  • Lorimer, John Gordon: Gazetteer of the Persian Gulf, Oman, and Central Arabia. Vol. II. Geographical and Statistical. Superintendent Government Printing, Calcutta 1908.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Karl May: Von Bagdad nach Stambul Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld, Freiburg 1892, S. 249-250.
  2. von Schweiger-Lerchenfeld, Amand: Der Orient A. Hartleben, Wien / Pest / Leipzig 1882, S. 357, 363-364.
    Inventar-Nr. KM0472 in Karl Mays Bibliothek.
  3. Kamtschik: Peitsche
  4. von Schweiger-Lerchenfeld, Amand: Zwei Pilgerwege durch Arabien. In: Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. I. Jahrgang A. Hartleben, Wien / Pest / Leipzig 1879, S. 599.
    In Karl Mays Bibliothek finden sich mehrere Karten aus diesem Jahrgang der Zeitschrift.

Weblinks[Bearbeiten]