Rezeption (1933-1945)

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Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland im Januar 1933 führte zu einschneidenden Veränderungen im gesamten gesellschaftlichen Leben. Auch auf dem Gebiet der Literatur brachte sie "eine völlig neue Dimension staatlicher Verfügungsgewalt, indem sie kulturelle Traditionslinien, gewachsenen Organisationsstrukturen, Institutionen und Verbände vernichtet, Schriftsteller und ihre Werke verbietet, vertreibt, und ermordet".

Für Karl Mays Werk musste diese neue, nationalsozialistische Zeit eigentlich große Schwierigkeiten bringen. Mays Eintreten für Frieden und Völkerverständigung und gegen Rassismus passten nicht zu den Zielen der neuen Machthaber. Sein warmherziges Eintreten für alle unterdrückten Völker, sein Pazifismus im Spätwerk, seine Freundschaft mit Bertha von Suttner standen im Gegensatz zu den neuen Normen und Ansichten. So war es eigentlich ein großer Glücksumstand, dass Mays Werke nicht auf dem Scheiterhaufen der Bücherverbrennung im Mai 1933 landeten.

Denn ganz unverhofft wurde Adolf Hitler mit Karl May in Verbindung gebracht. Am 23. April 1933 schrieb Oskar Robert Achenbach in der Münchner "Sonntag-Morgenpost" über einen Besuch in Hitlers "Berghof" auf dem Obersalzberg: "Auf einem Bücherbord stehen politische und staatswissenschaftliche Werke, einige Broschüren und Bücher über die Pflege und Zucht des Schäferhundes, und dann - deutsche Jungens, hört her! dann kommt eine ganze Reihe Bände von - Karl May!". Mit dieser Veröffentlichung war Karl May als Lieblingsschriftsteller Hitlers "entlarvt", und gleichzeitig zu einer offiziellen Angelegenheit im neuen Staat geworden.

Im März 1934 wiederholte Bernhard Scheer in der „National-Zeitung" den Bericht Achenbachs und baute ihn zu einem Appell an die deutschen Jungen aus: „Was unser Führer ... gelesen hat, das muß jeden deutschen Jungen und vor allem jeden Hitlerjungen begeistern. ... Tapferkeit, Edelsinn, ..., Blutstärke, ..., Treue und Gehorsam dem Führer sind die großen Tugenden, die die Mayschen Helden auszeichnen. ... Karl May schuf in seinen Werken solche deutschen Edelgestalten, wie sie unser Führer in jedem Volksgenossen sehen will. ... Karl May ist die Lektüre der rauhen Wirklichkeit, wie wir sie gerade heute erleben. Kampf, keine Furcht ... bis zum großen und sicheren Siege!"

Der bayrische Kultusminister und Reichsleiter des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) Hans Schemm sagte auf einer Schultagung im Januar 1934: "Zum deutschen Buben und Mädel gehört mehr als die sogenannte Schulbravheit, nämlich Mut, Initiative, Schneid, Abenteuerlust und Karl-May-Gesinnung!"

Auf Grund der persönlichen Vorlieben einiger politischer Größen, wie Hitler, Schemm, Goebbels und Mutschmann, versuchten die Nazi-Ideologen also, nun May für ihre eigenen Ziele zu missbrauchen. Auch wenn May in manchen Punkten zwar konservativ war, politisch eifernd war er nicht und schon gar nicht faschistisch. Seine Werke ließen sich auch nicht total annektieren. Karl May gehörte auch schon zu sehr zur kulturellen Tradition und war zu populär, als daß er noch hätte unterdrückt werden können. Das einzige, was den neuen Machthabern übrigblieb, war, die Rezeption Mays in ihrem Sinne zu lenken.

Die Tatsache, dass Karl Mays Schriften wieder verstärkt Anerkennung fanden, musste zwangsläufig Wilhelm Fronemann als den schärfsten May-Kritiker dieser Zeit erneut auf den Plan rufen. Am 15. April 1933 wandte er sich mit einer 13seitigen Denkschrift an den bayrischen Kultusminister Schemm. Darin bekannte er sich zu den politischen Zielen der Nationalsozialisten und forderte "detaillierte ... Säuberung und Umbau der Schülerbüchereien, staatliche Zensur, amtliche Jugendschriften-Verzeichnisse, Gleichschaltung der Lehrerprüfungsausschüsse für Jugendschriften usw. Der'Schundliteratur' will er mit einem 'Ermächtigungsgesetz' ... beikommen". Doch Fronemanns Bemühen war zunächst vergeblich.

Am 3. August 1933 beschloss die Reichsleitung des NSLB „die Aufnahme Karl Mays in den Katalog guter Jugendschriften" (Heinemann, S. 237). Daraufhin schrieb Fronemann am 16. November 1933 an den NSLB, „May sei 1. ein 'leidenschaftlicher Verfechter einer weitgehenden Rassenmischung aus ganz sentimentalen Menschlichkeitsgründen' und 2. ein 'leidenschaftlicher Verteidiger eines verwaschenen Pazifismus' gewesen". An Schemm schrieb Fronemann am 22. Februar 1934: "Dieser Karl May war doch Marxist und Mitarbeiter des 'Vorwärts', Pazifist und begeisterter Anhänger der Bertha von Suttner, er befürwortete jede Rassenmischung ...". Fronemann stellte Schemms Äußerung von der "Karl-May-Gesinnung" gegenüber: "Karl May paßt zum Nationalsozialismus wie die Faust aufs Auge!". In einem Artikel der "Kölnischen Zeitung" vom 1. September 1934 ging Fronemann dann endgültig zu weit, indem er die May-Begeisterung der Nationalsozialisten öffentlich kritisierte. Der NSLB fasste dies als eine politische Sache auf und verwarnte Fronemann am 19. November 1934: "Wir können uns nicht entsinnen, daß Sie vor der nationalsozialistischen Revolution Karl May aus diesen Gründen bekämpft haben ..." Fronemann startete danach nur noch wenige Versuche, Mays Ansehen zu kritisieren. Am 25. Juni 1938 ordnete Goebbels Propaganda-Ministerium an, "daß Angriffe auf die Bücher Karl Mays unerwünscht seien". Es gab noch einen energischen Versuch Fronemanns zur Ausschaltung Mays, dann schwieg dieser Kritiker - für einige Jahre.

Im "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" gab es im Jahre 1935 eine Grundsatzdiskussion um die neu zu schaffende Unterhaltungsliteratur. In einem Rückblick auf die Abenteuerliteratur wurde Karl May besonders erwähnt. Unter Ausschaltung seiner Lebensgeschichte wurde dabei Mays Werk akzeptiert, mit gewissen Einschränkungen: "Die unbändige Lust am Fabulieren verführt May häufig zu unmöglichen Überspitzungen und phantastischen Übersteigerungen. Hinter den zahlreichen Abenteuern ... steht nicht immer ein ernsthaftes Ziel, ein verständlicher Sinn. Auch May ist ja keineswegs frei von Moralitäten ...". Insgesamt wurde aber das Fehlen einer neuen, nationalsozialistischen Unterhaltungsliteratur beklagt.

Das Jahr 1936 brachte dann die erste akademische Anerkennung der Schriften Karl Mays. Die Philosophische Fakultät der Universität Jena nahm die Dissertation "Der Volksschriftsteller Karl May. Beitrag zur literarischen Volkskunde" von Heinz Stolte an. Der Doktorand schrieb: "Karl May ist zu einer geistigen Großmacht geworden. ... Dabei besteht diese Bedeutung ... eben nur in der Tatsache, daß sein Schaffen so sehr dem unmittelbarsten Empfinden und Bedürfnis der Massen entspricht ... Seine Grenzstellung befähigte Karl May, ... ein hochgespanntes Ethos in die Tiefen unseres Volkslebens zu tragen." Eine Einvernahme Mays durch die NS-Ideologie war mit dieser Doktorarbeit allerdings nicht verbunden.

Die Anerkennung, die Mays Werk in dieser Zeit in Deutschland fand, brachte im Gegenzug eine fast einhellige Ablehnung bei den im Exil lebenden deutschen Schriftstellern hervor. Bei aller verständlicher Kritik wurde hier meist unsachgemäß und tendenziös geurteilt. In einer Gleichsetzung von Karl-May-Kritik und Faschismus-Kritik wurde Karl May vollkommen überzogen und falsch zum ideologischen Vorbereiter des Nationalsozialismus und des zweiten Weltkrieges abgestempelt. So schrieb Sally Grosshut in der Exil-Zeitschrift "Orient" 1942: "Er hat unzweifelhaft im deutschen Volk gewirkt ... Wird die Jugend nach diesem Kriege ebenso begeistert sein, wenn sie hören wird, das SS, Gestapo, fünfte Kolonne, ... nur Spielarten der Apachen, Sioux deutscher Prägung waren? ... Hitler verstand, wie er Karl May völkisch zu interpretieren hatte ..."

Schon 1940 hatte Klaus Mann in den USA über das Verhältnis Hitlers zu Mays Werken geäußert, Hitler "fühlte sich völlig zu Hause in diesem fragwürdigen Labyrinth eines krankhaften und infantilen Hirns", er "bewunderte in Old Shatterhand am meisten dessen Gemisch aus Brutalität und Heuchelei" und "gewann die Überzeugung: Ja, so muß man sein." . Klaus Mann schlussfolgerte: "Es ist kaum übertrieben, zu behaupten, daß Karl Mays kindische und kriminelle Hirngespinste in der Tat - obschon auf Umwegen - den Gang der Weltgeschichte beeinflußt haben."

Johannes R. Becher schrieb 1943, "daß niemand von uns dagegen Einspruch erheben dürfte, daß Hitler ... Karl May zu seinem Berghofschriftsteller ernannt hat". Und 1945: "Auch die Vorliebe Hitlers für Karl May kommt nicht von ungefähr". Gerade diese Äußerungen stellten deutliche Vorzeichen für die Beurteilung Mays nach 1945 im Osten Deutschlands dar.

In einem Beitrag von Wilhelm Stölting in der „Bücherkunde" 1943 wurde die May-Rezeption des Dritten Reiches in ihrer ganzen Tragweite und mit allen Problemen noch einmal deutlich: An May wird eine "Vernachlässigung des Stils" kritisiert. "Mays Werk ist deshalb nicht Dichtung, im Sinne veredelnder Verdichtung des stofflichen Gehaltes, sondern epische Schilderung mit Mitteln der Umgangssprache." Stölting konstatierte "Bücher ..., die erst nach weiterer Befreiung von unnötigem Ballast für uns genießbar bleiben [...] empfinden wir kleinere konfessionellgebundene Arbeiten wie auch seine Gedichte als Zeugnisse einer Zeit und Haltung, die der unseren sehr fern stehen. Fremd erscheinen uns auch ... die Dorfgeschichten ... Der Gedanke, das Werk eines Dichters nach seinem Tode verbessern zu wollen, liegt uns fern, ...Karl May aber ist kein Dichter ... wir stimmen ... der Bearbeitung zu und erblicken in ihr einen weiteren Grund, die ... Bände Mays zu schätzen."

Diese Äußerungen stellen die ganze demagogische Art der nationalsozialistischen May-Rezeption dar: Was absolut nicht zur Ideologie passt, wird einfach weggelassen, der Rest wird entsprechend bearbeitet, missbraucht und missdeutet!

Aus diesem Grund waren auch manche Bände der Gesammelten Werke ("Ardistan und Dschinnistan", "Lichte Höhen") jahrelang nicht mehr im Verlagsangebot. Eine faschistische Bearbeitung blieb Mays Werken jedoch, bis auf einige wenige, noch recht harmlose Eingriffe durch das baldige Ende des Dritten Reiches zum Glück erspart.

Die May-Rezeption von 1933 bis 1945 war insgesamt eine schwierige, zweischneidige Angelegenheit. Persönliche Verehrung auf der einen Seite, ideologische Anpassungsprobleme, Missbrauch und Bearbeitung auf der anderen Seite. Für den Karl-May-Verlag war es aber insgesamt eine sehr erfolgreiche Zeit: Der Absatz der May-Bände stieg auf 9,3 Millionen (1945). Einen wesentlichen Anteil an der steigenden Popularität der Werke Mays dürften auch die Karl-May-Festspiele gehabt haben, die seit 1938 auf der Felsenbühne Rathen in der Sächsischen Schweiz mit großem Erfolg stattfanden.

Literatur