Birs Nimrud

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Birs Nimrud
im Werk Karl Mays
Weltkarte1911.jpg

Von Bagdad nach Stambul
Im Reiche des silbernen Löwen

Der Birs Nimrud im 19. Jahrhundert
Route von Bagdad über Hilla nach Birs Nimrud

Birs Nimrud, alternativ: Āthār an Namrūd (arabisch: ثار النمرود) oder Īshān Nimrūd, ist die Ruinenstätte der antiken babylonischen Stadt Borsippa. Sie liegt im Distrikt Hilla des Gouvernorats Bābil im Irak; 14 Kilometer südwestlich der Distriktshauptstadt Hilla und 4 Kilometer östlich des Euphrat.[1] Borsippa war der griechische Name der Stadt; in den babylonischen und assyrischen Inschriften wird sie Barsip, im Talmud Borsif genannt. Im ersten Teil des Namens Birs Nimrud lebt der antike Name Borsippa weiter. Von der arabischen Bevölkerung wurde der Name des Königs Nimrod, der der Tradition nach Babylon gegründet hat,[2] hinzugefügt.

Borsippa war die Schwesterstadt von Babylon und wird in den Inschriften oft Babylon II genannt, auch die "Unvergleichliche Stadt". Politisch war Borsippa nie selbständig, sondern gehörte zum Herrschaftsbereich Babylons. Die ersten schriftlichen Erwähnungen der Stadt stammen vom Ende des dritten Jahrtausends v. u. Z.; ihre erste Blütezeit erlebte sie unter König Hammurapi I. (Regierungszeit 1792-1750 v. u. Z.).

Hammurapi ließ in Borsippa den Tempel Ezida errichten und widmete ihn Marduk, dem Schutzgott Babylons. Der Tempel befand sich im Zentrum der quadratischen, knapp zwei Quadratkilometer großen Stadtanlage, deren Diagonalen ungefähr nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet waren.[3] Unmittelbar an der nach Nordwesten weisenden Seite befand sich ein Palast. Ebenfalls vor der Norwestseite, aber nicht mit der Stadt verbunden, lag das Viertel der zur herrschenden Klasse gehörenden Bürger.

Die Nachfolger Hammurapis erkoren Nabu zum Schutzgott Borsippas und erklärten ihn zum Sohn Marduks. Zu Beginn jeden neuen Jahres wurde Nabus Bildnis nach Babylon getragen, damit er seinen Vater Marduk in dessen Tempel Esagila besuchen konnte. Anschließend begleitete Marduk seinen Sohn wieder nach Hause. Nur Marduks Tempel war bedeutender als Nabus Tempel.

Borsippas größte Blütezeit fiel in die Regierungszeit Nebukadnezar II. (605 bis 562 v. u. Z.), dessen Name „Der Gott Nabu schütze meinen ersten Sohn“ bedeutet. Nebukadnezar ließ den Nabu-Tempel neu errichten. Nach der Eroberung durch Alexander den Großen im Jahr 331 v. u. Z. begann der langsame Niedergang der Stadt; in frühislamischer Zeit wird sie aber noch erwähnt. Kurz danach muss sie verlassen worden und in Verfall geraten sein.

Im engeren Sinne bezeichnet Birs Nimrud die Ruine der zum Nabu-Tempel gehörenen Zikkurat.[4] Vor allem im neunzehnten Jahrhundert, als die wissenschaftlichen und archäologischen Untersuchungen begannen, wurde dieser Name von Europäern ausschließlich für diese Ruine von beeindruckender Höhe (heute über 50 m; die ursprüngliche Höhe[5] muss über 70 m betragen haben) verwendet. Zu dieser Zeit wurde der Namensteil „Birs“ noch nicht verstanden und falsch mit „Turm“ oder „Burg“ übersetzt, also „Nimrods Turm“ oder „Nimrods Burg“. Der babylonische Name der Zikkurat lautete „E-ur-imin-an-ki“.

Einer der ersten Berichte über die Stätte stammt von Leonhard Rauwolf aus dem Jahr 1574,[6] ausführlichere Nachrichten gelangten im achtzehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts mit Carsten Niebuhr, Pierre-Joseph de Beauchamp, Claudius James Rich und Robert Ker Porter nach Europa. Die genaue Ausdehnung der Stadt Babylon war noch nicht bekannt. So war es nicht verwunderlich, dass der gewaltige, alles überragende und schon auf halbem Wege von Bagdad aus, also aus rund 50 Kilometer Entfernung sichtbare Birs Nimrud von vielen zunächst für die Ruine des biblischen Turms zu Babel gehalten wurde, oder zumindest für den historisch belegten, gigantischen Belus-Tempel in Babylon. Zwar hatte sich die Kenntnis der Stadt Borsippa über die Jahrhunderte erhalten, aber es wurde von manchen vermutet, dass sie nur ein Stadtteil von Babylon gewesen sei und der Birs Nimrud daher diesem zuzurechnen sei. Die Verfechter der ersten Theorie führten als Argument eine sehr fragwürdige Etymologie des Namens Borsippa an, nach der er die Bedeutung „Sprachverwirrung“ gehabt habe.

Erste Ausgrabungen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts brachten die endgültige Erkenntnis, dass es sich um die eigenständige Stadt Borsippa handelte, aber es dauerte noch fast ein halbes Jahrhundert, bis sich die Einsicht weitestgehend durchsetzte, dass der Birs Nimrud zu weit von dem rund zwanzig Kilometer nordöstlich liegenden Babylon entfernt ist, als dass er zu diesem gehören könnte.

im Werk Karl Mays[Bearbeiten]

Orientyklus[Bearbeiten]

In "Von Bagdad nach Stambul", dem dritten Band des Orientzyklus reitet Kara Ben Nemsi mit Halef, Sir David Lindsay, Hassan Ardschir-Mirza, dessen Frau Dschanah, dessen Schwester Benda und deren Dienerin Alwah sowie Mirza Selim Agha von Bagdad aus in Richtung Kerbela, wo Hassan Ardschir-Mirza seinen Vater bestatten will. Auch Kara Ben Nemsi beabsichtigt, Kerbela zu besuchen. Weil er als Christ das nur heimlich tun kann, bleibt er mit Halef und Lindsay am Birs Nimrud, während die Gruppe von Hassan Ardschir-Mirza weiterreitet.

Hier erkrankt zunächst Kara Ben Nemsi, weswegen er Lindsay nicht bei dessen beabsichtigten Ausgrabungen in der Umgebung begleiten kann, so dass er mit Halef allein bleibt.

Noch nahe dem Birs Nimrud werden Hassan Ardschir-Mirza, Dschanah, Benda und Alwah überfallen und ermordet. Trotz der Krankheit, die sich als die Pest herausstellt und die bald auch Halef befällt, können die beiden die Toten zum Birs Nimrud zurückbringen und dort begraben.

Ihren Freund Lindsay finden sie nicht wieder. Aufgrund von Kampfspuren und der Äußerung von Räubern, mit denen sie zu kämpfen haben, müssen sie ihn für tot halten.

Auch Kara Ben Nemsis Hund Dojan findet hier ein gewaltsames Ende.

Dank gegenseitiger Pflege genesen Kara Ben Nemsi und Halef und können nach einiger Zeit diesen für sie so traurigen Ort verlassen. Die ursprüngliche Absicht wird aber aufgegeben; sie kehren nach Bagdad zurück und reiten dann nach Damaskus.

Als May den Orientzyklus verfasste, war in der Fachwelt die Bildung des Konsens, dass der Birs Nimrud nichts mit der Stadt Babylon zu tun hat, bereits weit fortgeschritten. In den von ihm für die Darstellung des Handlungsrahmens genutzten, teils populärwissenschaftlichen, meist mehrere Jahrzehnte alten Werken war davon noch nichts zu merken. Dementsprechend nutzt er das Erreichen des Birs Nimrud für eine Beschreibung Babylons und des Baalstempels. Die Quellen für diese Beschreibung, wie auch die anderer realer Orte, sind leicht identifizierbar, da May sie kaum verändert übernommen hat. Sie stammt aus zwei Werken, die er besaß; fast vollständig aus Carl Strahlheims (Pseudonym von Johann Konrad Friederich) „Asien oder alle Merkwürdigkeiten dieses Welttheils, von den ältesten bis auf unsere Zeiten“.

Im Folgenden ein Beispiel für die stilistischen Anpassungen, die May an dem verwendeten Text vorgenommen hat:

An jedem Ende der Brücke stand ein großer Pallast; diese beiden Schlösser waren durch einen unterirdischen Gang, der unter dem Euphrat, wie der Tunnel unter der Themse, angebracht war, miteinander verbunden, […][7]
An jedem Ende der Brücke stand ein großer Palast; beide waren durch einen unterirdischen Gang verbunden, welcher unter dem Euphrat hinlief, wie z.B. der Tunnel unter der Themse.[8]

Lediglich den Abschnitt über den „Baalsturm“ hat er mit Angaben aus einem Lexikon ergänzt:

Den Thurm machen die Talmudisten 70 Meilen hoch, orientalische Traditionen 10.000 Klaftern; Andere nur 25.000 Fuß u. ließen 1 Mill. Menschen 12 Jahre daran arbeiten. Zu Babylon befand sich wirklich ein großes thurmähnliches Gebäude, dessen viereckige Basis 1000 Schritte im Umfang gemessen haben u. in 8 Stockwerken 623 F. hoch gewesen sein soll.[9]
Die Talmudisten behaupten, der Turm sei 70 Meilen hoch gewesen; nach orientalischen Traditionen war er 10 000 Klafter, nach anderen Ueberlieferungen 25 000 Fuß hoch, und es soll eine Million Menschen zwölf Jahre lang daran gearbeitet haben. Das ist natürlich übertrieben. Die Wahrheit ist, daß sich allerdings mitten aus dem großen Tempel des Baal ein Turm erhoben hat, dessen Basis ungefähr tausend Schritte im Umfange hatte, während seine Höhe 6-800 Fuß betrug. Er bestand aus acht über einander stehenden Abteilungen, […][10]

Im Reiche des silbernen Löwen[Bearbeiten]

Im ersten Band der "Reiseerzählung" Im Reiche des silbernen Löwen beschließen Kara Ben Nemsi und Halef, Bagdad und die Ruinen von Babylon wieder zu besuchen. Dabei wird explizit Bezug genommen auf den ersten Besuch im Orientzyklus. Unterwegs erfahren sie, dass der Birs Nimrud ein Versteck der überregional agierenden Verbrecherbande der Sillan ist und beschließen, diese zu bekämpfen. Im zweiten Band reiten sie von Bagdad zum Birs Nimrud und können den Sillan einen schweren Schlag zufügen, woraufhin sie über Bagdad nach Persien weiterreisen.

Im dritten und im vierten Band werden der Birs Nimrud und die Ereignisse dort noch mehrfach erwähnt.

Auch in diesem Werk ist der Aufenthalt am Birs Nimrud für May wieder der Anlass, etwas zu Babylon zu sagen. Dazu übernimmt May seinen Text aus dem Orientzyklus mit nur geringen Änderungen, erweitert ihn aber um Bibelworte und –auslegungen sowie einen kurzen Absatz zum Ende Babylons. Obwohl viele Jahre später entstanden, finden auch hier die wissenschaftlichen Erkenntnisse keinen Eingang; im Gegenteil, durch die explizite Verknüpfung mit dem biblischen Turm zu Babel erfolgt geradezu ein Rückschritt in die Zeit vor dem neunzehnten Jahrhundert, der jedoch gewollt und der Intention des Werks geschuldet sein mag.

Als Quelle für den Absatz zum Untergang Babylons diente mit Sicherheit auch wieder – wenn auch nicht ausschließlich – Strahlheim, insbesondere dessen Satz:

Als nun das Reich so organisirt war, hielt Cyrus eine allgemeine Truppenmusterung bei Babylon, bei welcher sich nicht weniger als 600.000 Streiter jeder Waffe zu Fuß, 120.000 Reuter, 1000 Sichelwagen und eine Unzahl Kameelreuter eingefunden haben sollen.[11]

weitere Werke[Bearbeiten]

In "Am Jenseits" wird auf die in "Im Reiche des silbernen Löwen" geschilderten Ereignisse am Birs Nimrud Bezug genommen.

Die Handlung des Dramas "Babel und Bibel" vollzieht sich "auf dem Platze vor dem babylonischen Turme". Man erkennt hier den Birs Nimrud wieder.

Literatur[Bearbeiten]

  • Niebuhr, Carsten: Reisebeschreibung nach Arabien und anderen umliegenden Ländern. Zweyter Band. Hofdruckerey bey Nicolaus Möller, Kopenhagen 1778
  • Porter, Robert Ker: Travels in Georgia, Persia, Armenia, Ancient Babylonia, &c. &c. Vol. II Longman, Hurst, Rees, Orme and Brown, London 1822
  • Rich, Claudius James: Narrative of a Journey to the Site of Babylon in 1811 Duncan and Malcolm, London 1834
  • Vaux, William Sandys Wright: Nineveh and Persepolis Arthur Hall, Virtue, & Co., London 1850
  • Layard, Austen Henry: Nineveh und Babylon. Nebst Beschreibungen seiner Reisen in Armenien, Kurdistan und der Wüste Dyk’sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1856
  • Rawlinson, Henry Creswicke: On the Birs Nimrud, or the Great Temple of Borsippa. In: Journal of the Royal Asiatic Society Vol. 18 Bernard Quartich, London 1861
  • Talbot, William Henry Fox: The Birs Nimrud Inscription. In: Journal of the Royal Asiatic Society Vol. 18 Bernard Quartich, London 1861
  • Oppert, Jules: Expédition scientifique en Mésopotamie, Tome I Imprimerie Impériale, Paris 1863
  • Krause, Johann Heinrich: Deinokrates oder Hütte, Haus und Palast, Dorf, Stadt und Residenz der alten Welt Friedr. Mauke, Jena 1863
  • Duncker, Max: Geschichte des Alterthums. Erster Band. Fünfte verbesserte Auflage. Duncker & Humblot, Leipzig 1878
  • Kaulen, Franz: Assyrien und Babylonien nach den neuesten Entdeckungen, 3. Auflage Herdersche Verlagshandlung, Freiburg i. Br. 1885
    (4. Auflage von 1891 unter KM0686 in Mays Bibliothek)
  • Reber, Franz: Geschichte der Baukunst im Alterthum T. O. Weigel. Leipzig 1886
  • Koldewey, Robert: Tempel von Babylon und Borsippa nach den Ausgrabungen durch die Deutsche Orient-Gesellschaft J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung, Leipzig 1911
  • Schäfers, Bernhard: Stadtsoziologie, Stadtentwicklung und Theorien - Grundlagen und Praxisfelder, 2. Auflage VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Gemeint ist der heutige Hauptstrom des Euphrat, der bis in die 1870er Jahre ein nach der Stadt Hindiya benannter Nebenarm war. Der frühere, an Hilla vorbei fließende Euphrat ist jetzt ein Altarm. Von diesem liegt Birs Nimrud westlich.
  2. Ausdrücklich erwähnt in der Bibel (1. Mose 10, 10).
  3. Die Abweichung von der Himmelsrichtung ist aber zu groß, als dass dies Absicht gewesen sein könnte.
  4. Zikkurats sind für Mesopotamien typische Sakralbauten mit mehreren, sich terrassenförmig nach oben verjüngenden Stockwerken, meist aus der Bronzezeit.
    Die Zikkurat „Birs Nimrud“ hatte urprünglich sieben Terrassen.
  5. Die Ziegelsteine der Ruine wurden über Jahrhunderte zum Bau der umliegenden Städte verwendet, und sie wurde im Zuge des letzten Irak-Kriegs weiter zerstört und geplündert.
  6. Rauwolf, Leonhard: Der Ander Theyl der Reyß D. Leonhart Rauwolffs in die Morgenländer Franckfurt am Mayn 1582, S. 73-74.
  7. Strahlheim, Carl [= Friederich, Johann Konrad]: Asien oder alle Merkwürdigkeiten dieses Welttheils, von den ältesten bis auf unsere Zeiten, erster Band Comptoir für Literatur und Kunst Frankfurt am Main 1837, S. 7.
  8. Karl May: Von Bagdad nach Stambul Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld, Freiburg 1892, S. 314.
  9. Pierer’s Universal-Lexikon der Vergangenheit und Gegenwart, zweiter Band H. A. Pierer, Altenburg 1857, Stichwort „Babylonischer Thurm“.
    May hat eine andere Ausgabe besessen.
  10. Karl May: Von Bagdad nach Stambul Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld, Freiburg 1892, S. 315.
  11. Strahlheim, Carl [= Friederich, Johann Konrad]: Asien oder alle Merkwürdigkeiten dieses Welttheils, von den ältesten bis auf unsere Zeiten, erster Band Comptoir für Literatur und Kunst, Frankfurt am Main 1837, S. 29.

Weblinks[Bearbeiten]